Orthodontische Massnahmen und Kieferorthopädie

Generell lassen sich die beiden Begriffe nicht streng von einander trennen. Zwar geht es in der „Orthodontie“ eher um die Stellung einzelner Zähne im Kieferknochen und in der „Kieferorthopädie“ eher um das Wachstum und die Stellung der Oberkiefer- und Unterkieferknochen zu einander. Da aber beides in der Gebissentwicklung eng mit einander verbunden ist, sind auch die beiden Begriffe zusammengehörig zu sehen. Für das ganze Gebiet hat sich indessen der Ausdruck Kieferorthopädie durchgesetzt.

Das Fachgebiet der Kinderzahnmedizin befasst sich meist mit der Überwachung der Gebissentwicklung und den kleineren orthodontischen Massnahmen, währenddem die Kieferorthopädie mehr die umfangreichen Behandlungen des Kieferwachstums, oft auch mit Einbezug chirurgischer Eingriffe nach dem Abschluss des Wachstums beinhaltet.

Ein wichtiger Bereich der orthodontischen Massnahmen ist die Erhaltung, Verteidigung und Wiederherstellung des Platzangebotes für die bleibenden Zähne. Normalerweise erfüllen die Milchzähne diese Funktion als Platzhalter bis sie von ihren bleibenden Nachfolgern abgelöst werden. Wenn die Milchbackenzähne aber mehrere Jahre vor dem Durchbruch ihrer bleibenden Nachfolger in Folge von Karies verloren gehen, wandern die hinteren bleibenden und auch die Milchzähne nach vorne in die frei gewordene Lücke. Damit geht der Platz für einen bleibenden Zahn teilweise oder ganz verloren.

Um dies zu vermeiden wird ein Lückenhalter auf die Nachbarzähne montiert. Dieser kann nur für einen Zahn die Lücke offen halten,
oder er kann als „Lingualbogen“ mehrere Lücken im Unterkiefer offen halten.

Im Oberkiefer kann auch eine abnehmbare Platte aus Kunststoff diese Aufgabe erfüllen.

Es kann auch etwa im 6. Altersjahr der Platz für die neu durchbrechenden bleibenden Backenzähne so knapp sein, dass diese nicht an den hintersten Milchzähnen vorbeikommen und an diesen eine Auflösung des Wurzeldentins verursachen. Man spricht von einer „unterminierenden Resorption“. Meist gelingt es, mittels einer kleinen Messingdrahtligatur die durchbrechenden bleibenden Zähne von den Milchzähnen wegzudrücken und so ihren Durchbruch frei zu machen.

Eine Fehlentwicklung, welche oft als „funktionelle Störung“ in der ersten Phase des Wechselgebisses auftritt und schon in dieser frühen Entwicklungsphase behandelt werden sollte, ist der Kreuzbiss. Er kann beim Durchbruch der Schneidezähne als „Kreuzbiss vorne“

entstehen, oder er kann sich bei den Seitenzähnen zeigen als Zeichen eines zu schmalen Oberkiefers und wird dann als „seitlicher Kreuzbiss“ bezeichnet.

Der Kreuzbiss bei den Schneidezähnen kann mit abnehmbaren Kunststoffplatten oder temporären Bissebenen aus Kunststoff korrigiert werden.

Der seitliche Kreuzbiss wird meist mit einer festsitzenden Dehnungsapparatur behoben.

Nach dem Durchbruch der bleibenden mittleren Schneidezähne mit etwa 7 Jahren besteht oft eine störende Lücke dazwischen („Diastema“). Meist schliesst sich diese Lücke von selbst, wenn die seitlichen Schneidezähne durchbrechen. Bleibt die Lücke jedoch bestehen, so kann die Ursache in einem ausgeprägten Lippenbändchen liegen, welches als Bindegewebsstrang zwischen den beiden Schneidezähnen hindurch zieht. Eine andere Ursache ist manchmal ein überzähliger Zahn, welche in der Mitte zwischen den beiden Schneidezahnwurzeln im Knochen liegt („Mesiodens“). Auf einem Röntgenbild zeigt sich der Mesiodens deutlich und muss chirurgisch entfernt werden. Ein ausgeprägtes Lippenbändchen wird ebenfalls mit Vorteil früh chirurgisch korrigiert.